Did you ever – start a revolution?

Lange nichts von der upcoming revolution gehört. Ihr? Wann sind wir eigentlich zu gleich geschalteten Like-Claqueuren und passiven Beobachtern  geworden? Wann haben wir aufgegeben, daran zu glauben, dass wir unsere Welt durch unser Tun tatsächlich entscheidend verändern können? Wann wollten wir zuletzt streitbare Revolutionäre sein, statt phlegmatische Konsumenten? Wir sind vernetzter und informierter als jemals zu vor. Wir haben mehr Freizeit als jemals zu vor. Wir haben die Möglichkeit mehr und ausgewählter zu konsumieren als jemals zu vor. Und – wir leben in Freiheit. Aber was tun wir damit? Wann haben wir zuletzt über die Zukunft  unseres Planeten oder unserer Gesellschaft  philosophiert als über die aktuelle Netflix Serie oder den neuesten Snapchat Filter?

Die letzte Revolution in Deutschland ist 27 Jahre her, als 1998 friedlich die Mauerfiel – gleichzeitig auch die Geburtsstunde der Millennials, der Generation Y.  Man könnte also, mal so ganz locker gedacht, darauf schließen, der Nährboden für revolutionäre Ideen wäre den ‚Digital Natives‘ bereits mit Geburt in die Wiege gelegt worden. Aber es wäre natürlich auch furchtbar eindimensional, den fehlenden Geist der Revolution unserer Zeit nur der Generation „Selfie“ in die Schuhe zu schieben. Und, kann man 2016 überhaupt noch eindeutig unterscheiden wer zu welcher Generation gehört, außer anhand des Geburtsjahres? Die Generationen X, Y und Z sind längst miteinander verschmolzen und zu einer trägen Masse eines kulturellen Zeitgeist der Like-Jäger geworden. Denn dank den vielen sozialen Netzwerken genügt es heute bereits, so zu tun, als würde man die Welt verändern oder demnächst eine Revolution beginnen wollen. Die Perspektive auf die Welt wird durch den passenden Filter angepasst und die zur Schau getragene Pose macht die angepasste Faulheit salonfähig. Revolutionäre Gedanken und Weltverbesserungs-Ideen sind einfach weniger ‚likeable‘ als schicke Kaffeetassen im Szene-Café. Die digitale Scheinwelt verführt zur Pseudopose statt zur ehrlichen Position. Likeability ist heute wichtiger als politische Pamphlete oder das nächste Flugblatt auf der Fußgängerzone. Alsrevolutionär gilt, wer heute sein Mobiltelefon in der Mittagspause auf Flugmodus stellt. 

Aber was hält uns eigentlich auf, endlich den wohlgeformten Hintern vom Designersofa zu bekommen, eine echte Meinung zu haben und auf die Straße zu gehen? Oder auf’s nächste Dach zu steigen und ein Lied vom Frieden zu singen? Nicht nur Tag aus Tag ein Facebook, Twitter und Instagram Posts zu konsumieren sondern aktiv zu werden im analogen Leben? Sind wir alle zu satt, geht es uns zu gut? Umringt von unseren diversen Kommunikationsgeräten haben wir uns ein Nest der Kapitulation gebaut. Die Verführung des Digitalen raubt uns unsere revolutionären Ideen. Vielleicht liegt unser Zögern aber auch daran, dass wir alle sehr wohl ahnen, dass unsere Welt, wie wir sie einmal kannten, kurz davor steht, zusammenzubrechen. Krieg, Vertreibung, Umweltkatastrophen mit verheerenden globalen Auswirkungen, Migration – all das, was wir Nordeuropäer kaum in Worte fassen können, weil wir es nie mit eigenen Augen gesehen haben – all das passiert und wird passieren. Eine Welt ohne Gletscher, eine Festung Europa, die Spirale der Armut und wir sitzen ganz oben drauf und fragen uns, ob wir heutemal den Analog-Filter nehmen sollen. 

„Und wenn Du kurz davor bist, kurz vor dem Fall, und wenn Du denkst, „Fuck it all!“ Und wenn Du nicht weißt, wie soll es weitergehen: Lasst uns an alle appellieren! Wir müssen kapitulieren.“ (aus Kapitulation von Tocotronic)

– Melodie Michelberger –

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.