Bist du schon einmal in ein Freibad eingebrochen?

Ich bin in einem Vorort von München aufgewachsen. Was für andere vielleicht ein typisches Kaff sein mag, war für uns ehrlich gesagt gar nicht übel. Wald, Eisdiele, Kino, Sportplatz, Feld und Freibad. Schulen und dementsprechend ’ne Menge Gleichaltrige. Eigentlich gab es alles, um ein Teenager Herz glücklich zu machen. ’Ne Vielzahl guter Plätze, um nach der Schule abzuhängen, Orte, an denen man unerlaubt Roller fahren konnte, ohne von der Polizei erwischt zu werden, und perfekte Orte für erste Dates und Küsse mit viel Spucke wie zum Beispiel die Eisdiele Canale Grande oder eben auch das „Gautinger Freibad“. Das große Glück meiner besten Freundin Lotte* und mir war, dass wir beide gleich um die Ecke vom Freibad wohnten, zwei Straßen von einander entfernt. Für Lotte’s Familie gab es gratis Schwimmbadkarten, da man im Sommer in deren Garten die Geräusche des Schwimmbads hörte, Kinder die sich gegenseitig schreiend vom 1-Meter Brett ins Wasser schubsten, Kinder, die heulten weil ihnen der „Flutschfinger“ direkt nach dem Kauf aus den Fingern geflutscht und auf dem Boden gelandet war, Kinder, die lachend gegen Volleybälle schlugen und die keuchend an der freistehenden Reckstange zeigten, was sie im Sportunterricht gelernt hatten, um von den Eltern ein anerkennendes Lächeln zu ergattern.

Aber nicht nur die Geräusche waren ein Grund für die Freikarten, auch die regelrechte Auto-Invasion war ein Grund. Es gab zwar einen großen Parkplatz am Schwimmbad, doch an den wenigen wirklich heißen Tagen im Sommer schien sich nicht nur Gauting, sondern das ganze Würmtal, sprich Stockdorf, Planegg, Pentenried, Buchendorf, und so weiter im Freibad aufzuhalten. Manchmal war es so voll, dass man vor lauter Menschen die Wiese kaum mehr sah. Es roch nach sonnenverbrannter Haut und Chlor, Sonnencreme und vollen Windeln. Und die Autos stauten sich durch das ganze Viertel.

Aus dem Kinderzimmer meiner Freundin sah man direkt auf das Schwimmbad. Und wenn ich am Wochenende bei ihr übernachtete, lagen wir in der Dunkelheit auf ihrem Hochbett, öffneten das Fenster sperrangelweit, leckten an Backschokolade und blickten auf das Schwimmbad. Es hatte nachts etwas Magisches. Diese stillen, dunklen Becken, in denen es tagsüber nur so wimmelte von dicken Frauen in Badeanzügen und Schwimmflügeln, Luftmatratzen und neon bunten Schnorcheln. Jetzt erschien alles so still und groß. Alle heiß umkämpften Plätze, wie zum Beispiel die Plätze an den Düsen im warmen Becken, von denen man einen Blick auf das 1-und 3-Meter Brett hatte, waren menschenleer. Oft drängelten wir uns tagsüber zwischen andere Gäste, Haut an Haut, um den optimalen Blick auf die Springer zu haben. Wir benoteten jeden Sprung auf einer Skala von 1 bis 10 und verliebten uns immer wieder in den ein oder anderen Springer. Schon als Kind erschien uns die Vorstellung, eines Tages einmal nachts schwimmen zu gehen, spektakulär. Das ganze, riesige Schwimmbad einmal für sich alleine zu haben. Klar hatten wir das Schwimmbad schon mal so gut wie leer erlebt. Es war sozusagen unser zweites Zuhause und an besonders verregneten, kalten Tagen, hatte man schon mal das Glück, das Becken nur mit ein, zwei hartnäckigen Rentnern teilen zu müssen. Oft lagen wir also da, und rätselten wie es wohl wäre, einmal nachts im Schwimmbad zu sein. Ob das warme Becken wohl genauso warm wie tagsüber ist? Wie das Gefühl wohl sein mag, auf dem „Dreier“ ewig Zeit zu haben, bevor man sich traut mit einem Kopfsprung runter zu springen? Ganz ohne drängelnde Kinder in der Schlange hinter einem, die einem bibbernd erwartungsvolle und nervöse Blicke zuwerfen.

Es müssen um die acht Jahre später gewesen sein, als wir nach langer Überlegung unseren Plan umsetzen konnten.
Lotte und ich waren inzwischen 16, beide Hals über Kopf verliebt. Sie in Janni*, ich in Luis*. Sie beste Freunde, wir beste Freunde. Beide aus der Rollergang und vom anderen Gymnasium. Unsere Wochenenden bestanden größtenteils aus „im Grubi abhängen“. Das Grubi war das sogennante Grubmühlerfeld. Eine große Wiese an einem kleinen Fluss, mit ein paar Bäumen und einem Platz zum Grillen. Wir fuhren dort mit den Rollern der Jungs herum, tranken Bier oder billigen Sangria, rauchten erste Zigaretten und fühlten uns, als würde uns die Welt gehören. Eines Nachts bei Lotte, sie hatte sturmfrei, schlichen wir zu viert los. In Bikini und Badehose, Handtuch umwickelt und mit weißen Dunlop Turnschuhen ging es die Straße runter. Lotte kannte eine Stelle am Zaun, die sich eignete hinüber zu steigen. Auf der Straßenseite gab es nämlich einen grauen Stromkasten und mit ein bisschen Mut konnte man über den Stacheldraht springen und auf der anderen Seite landen. Mit großem Gekicher und ein wenig Angst in den Knien überwanden wir diese erste Hürde. Wir rannten so leise wie es nur möglich war über die klamme Wiese, versteckten unsere Handtücher und Schuhe in einem Busch, und sprangen ins Wasser. Unter Wasser öffnete ich die Augen und sah das bedrohlich dunkle, leere Becken. Ich fühlte mich als würde ich weit draußen im Meer schwimmen. Meerjungfrau-Assoziationen aus meiner Kindheit kamen auf. Ich machte wellenartige Schwimmbewegungen mit meinem Körper, fühlte mich begehrenswert und frei. Meine Traumblase wurde allerdings sofort durch Luis’ Rufen unterbrochen. Er war der Wilde unserer Gruppe. Blonde Haare, dunkle Augen, einen Schönheitsfleck wie Marilyn Monroe an der Lippe, eigentlich gut erzogen, hochbegabt, aber stinkend faul, und mit `ner Menge Flausen im Kopf. Bei jeder Gelegenheit entblößte er sein Hinterteil. Er kletterte halb nackt auf Laternen, setzte sich ohne Hosen in Zeitungskasten oder fuhr einfach mit herunter gelassener Hose seinen frisierten Roller. Wenn jemand auf einer Party einschlief, konnte er sich sicher sein, er bekäme am nächsten Tag ein Foto zu sehen mit seinem schlafenden Gesicht und Luis’ stolzem Hintern darüber. Er hatte einen überdurchschnittlich schönen Po, das steht außer Frage.

Luis rief mich bei meinem Namen, ich mochte das. Das warme Becken war unser Ziel, allerdings wussten wir, dass dort eine Video Kamera hängt. Die einzige Chance war, es irgendwie unbemerkt in die „Höhle“ zu schaffen. Die Höhle war ein kleiner überdachter Innenbereich, der für die Kamera nicht sichtbar ist. Wir sprangen mit einem Satz ins Becken, hielten die Luft an und tauchten einmal quer durchs Becken in diesen Bereich. Hatte sich das jahrelange „Wer-kann-am-längsten-tauchen-Spiel“ doch gelohnt. Dort angekommen, knutschten wir uns hechelnd ab und ich hoffte voller Inbrunst auf ein „Ich-liebe-dich“. Wir waren jetzt sechs Wochen zusammen. In meiner Vorstellung war das der perfekte Moment um sowas zu sagen. Statt den Worten, spürte ich Luis’ Erektion durch die Badehose. Ich traute mich nicht hin zu fassen, sondern dachte an das Paar, dass Lotte und ich als Kinder im warmen Becken beobachtet hatten. Mit unseren Taucherbrillen inspizierten wir so unauffällig wie möglich das knutschende Paar unter Wasser. Sie fummelten und drückten sich gegenseitig zwischen den Beinen rum. Ich war noch nicht aufgeklärt und dachte, dass sich Sperma über die Luft überträgt, wie ein Virus, und rätselte als Kind ob sich Sperma wohl auch durch das Wasser überträgt und die Frau jetzt schwanger wird, wenn sich die zwei so aneinander reiben.

Ich blickte rüber zum kalten Becken und sah Lotte und Janni. Die beiden lagen inzwischen Arm in Arm auf dem Drei Meter Brett und sahen sich die Sterne an. Ich war ein bisschen neidisch auf deren romantische Situation und bevor ich Luis ein „Ich-liebe-dich“ sagen konnte, schwamm er direkt in die Mitte des warmen Beckens, drehte sich auf den Bauch, tauchte mit dem Kopf unter Wasser und steckte der Überwachungskamera seinen schwimmenden nackten Hintern entgegen, der wie zwei kleine Berge aus dem Wasser ragte. Wir vier lachten und irgendjemand schlug falschen Alarm. Wir rannten zu unseren Sachen und damit Richtung Zaun, kratzten uns die Schienbeine am Stacheldraht auf und irgendjemand verlor seinen Schuh. Klitschnass und außer Atem erreichten wir Lottes Haus. In der gleichen Nacht probierte ich mit Luis zu schlafen. Es klappte nicht, aber ein paar Tage später bei mir Zuhause klappte es dann. Es war der Sommer als ich 16 war. Es war nicht die große Liebe, aber in diesem Moment war es einfach perfekt.

– Marie Nasemann –

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